Jahresrückblick 2020

Altentheater in Zeiten der Pandemie?

Fotos: FWT


Nach einem rauschenden Jubiläumsjahr 2019 zu „40 Jahren Altentheater“ war das Altentheaterensemble coronabedingt seit März 2020 öffentlich nicht mehr präsent. Was passiert hinter geschlossenem Altentheater-Vorhang?

Allerhand: Seit Mai findet sich das Altentheaterensemble im luftigen, großzügigen Probenraum des FWT in Minigruppen zu theatralen Sonderprojekten zusammen.

„Wir kommen zusammen, wir finden und erfinden, begegnen uns spielerisch und spüren uns. Hände, Gesicht, der ganze Körper werden über den gebotenen Abstand hinaus zu spielerischen Botschaften befähigt – zurück zu den Wurzeln der Kommunikation. Ja selbst mit dem Abstand spielen wir, erfinden Maskeraden, entdecken Humor und Komik im neuen Alltag. Distanz schaffen zu der beklemmenden Gefühlslage, die das veränderte Leben ‚draußen‘ mit sich bringt und zugleich tiefe Empfindungen und Gedanken im Ensemble äußern und künstlerisch wirksam werden lassen, ist Lösung und Herausforderung zugleich.“ (Ingrid Berzau, Leitung Altentheater)

„Altenkultur beinhaltet schon immer, und jetzt besonders, die Neugierde und Lust an Veränderung und Experiment.“ (Dieter Scholz, Gründer des Altentheaters)

Bei seinen letzten Gastauftritten im Februar in Kölner Altenheimen erntet das Altentheater für „Lebensreise“begeisterten Applaus und Rosen.

Und dann im März der Schnitt zwei Tage vor der Generalprobe zu „Lebenslied“: Ausverkaufte Vorstellungen im eigenen Theaterhaus, eine Einladung ins NRW-Innenministerium mit szenischen Ausschnitten aus dem Theaterstück zu Trickbetrügereien, Beiträge beim Kölner Vorsorgetag im Kölner Gürzenich, Gastspiele in ganz NRW entfallen. Alles löst sich auf in Verschiebungen auf irgendwann. Von 180 auf Null gesetzt. Und nun?

Redaktion Jahresrückblick 2020: Ingrid Berzau (Texte), Charlotte Rimbach (Fotos und Gestaltung)

FRÜHLING 2020 - KOMMT EIN VOGEL GEFLOGEN, HAT EIN' ZETTEL IM SCHNABEL


Eine Brieftaube macht sich auf den Weg und überbringt den Ensemblemitgliedern einen handgeschriebenen Brief aus dem Theater ins Haus. Und sie bringt „Persönliche Geschichten zum Schreiben mit der Hand“ ins Theater zurück, natürlich handgeschrieben, wenngleich den meisten im Ensemble das Handschreiben inzwischen ungewohnt geworden ist.

Ein neuer Fokus entsteht, das per Brief begonnene Projekt schlägt Wurzeln und entfaltet sich spielerisch unter der künstlerischen Leitung von Ingrid Berzau und Mitarbeit von Charlotte Rimbach. Schon im Mai 2020 finden die ersten Treffen unter veränderten Bedingungen in Kleingruppen statt, im Probenraum des FWT-Theaterhauses, in dem sich Abstand und Hygienekonzept wunderbar realisieren lassen.

Mit alten Mitteln der Kommunikation entsteht eine Form des Zusammenspiels, aus dem neue Ideen erwachsen. Die Sinnlichkeit und Ästhetik des Handschreibens und der Schreibwerkzeuge bis hin zu virtuellen Austauschmitteln der Jetztzeit: Smartphone, Bildsprache und Emojis faszinieren in der spielerischen (Wieder-) Entdeckung. Hierin bietet sich eine wichtige Brücke zu den nachfolgenden Generationen, den Kindern, Enkeln, Urenkeln, aber auch der Gesamtgesellschaft überhaupt.

Eine Besonderheit dieses Projektes ist die filmisch dokumentierende Begleitung durch Julia von dem Berge, die Mediale Künste an der Kunsthochschule Medien in Köln studiert. Aus den bereits im Februar begonnenen Dreharbeiten für ein dokumentarisches Porträt vom Altentheater entwickelte sich ein spannender Prozess, der die unerwarteten Herausforderungen – Altentheater in Coronazeiten – einfängt. Auf die Ergebnisse sind wir schon jetzt gespannt.

SPÄTSOMMER 2020 – EIN AUSFLUG INS MALEN


Klaus Evertz – Bildender Künstler und Kunsttherapeut – nimmt Mitglieder des Altentheaterensembles mit auf eine bildnerische Gestaltungsreise: „Künstlersein an der eigenen Biografie. Oder: Wir schulden unseren Träumen unser Leben“.

„Eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich habe während des Malens nicht links und rechts geschaut, sondern einfach aus meinem Inneren heraus gemalt. Mit Malen habe ich es eigentlich nicht. Ich war selbst davon überrascht, was dabei herauskam.“ (Gerhard Schnitzler, Ensemblemitglied)

HERBST 2020 – UNSERE SEHNSUCHT HAT BILDER


Unter der künstlerischen Leitung von Sabine Falter, die seit sechs Jahren für das Altentheater stimmbildnerisch und musikdramaturgisch tätig ist, entwickelt sich unter dem Titel „Und meine Sehnsucht hat Bilder“ ein Projekt zum biografischen Liedtheater. Welche individuellen Sehnsuchtsbilder entstehen in unserer jetzigen Situation? Wie kann diesen im künstlerischen Prozess sprachlich-rezitatorisch und lied-szenisch Ausdruck verliehen werden?

„Wir hatten in den letzten Monaten eine sehr intensive Gestaltungsmöglichkeit unserer Vorträge während der Proben. Dafür bin ich sehr dankbar. Sabine verstand es ausgezeichnet, uns aus der Zurückhaltung zu locken. Es gelangen Darbietungen, die ich mir vorher nicht zugetraut hatte – ja, manchmal spielten wir uns heiß. Eine tolle Erfahrung!“ (Inge Dombach, Ensemblemitglied)

„Auch die Pause gehört zur Musik“ (Stefan Zweig): Was liegt näher als sich den vielen Facetten und Bedeutungen von Pause in diesem Jahr zu widmen? Und so entstehen mit Ingrid Berzau dazu kleine verspielte Szenerien innerhalb des biographischen Liedtheaters.

WINTER 2020 – WENN ES ABENDS DUNKEL WIRD. VOM GESCHICHTEN ERZÄHLEN FRÜHER UND HEUTE


Zum Jahresende wird der Schaukelstuhl in die Mitte gerückt. Inhaltlich anknüpfend an das Frühlingsprojekt werden weitere Aspekte der Kommunikation spielerisch erkundet: „Großmütter und Großväter“ erzählen von der Dämmerstunde früher, als die Leute zusammenrückten und bei schwindendem Tageslicht einander zuhörten. Nostalgische Erinnerungen und Gedanken des Vergehens werden durch Lieder, Texte und Improvisationen geteilt und ohne Wehmut erschließt sich daraus die Frage: Welche Formen finden wir dafür heute und gerade in der jetzigen Zeit für das Geschichten erzählen und beieinander sein?