DOKTORSPIELE. Ein Stück über Ärzte

Inszenierung zum Thema Medizin im Nationalsozialismus/sogenannte Euthanasie
Stückentwicklung Rolf Johannsmeier und Ensemble

Uraufführung am 30. September 1989
Ausgezeichnet im Rahmen des zum ersten Mal vergebenen Förderpreises für Freie Theater des Landes NRW

Doktorspiele

Fotos: Stefan Odry

Fast 90 Prozent der Texte in "Doktorspiele" beruhen auf dokumentarischen Vorlagen, überliefert als Protokolle, Biografien, Tagebucheintragungen, Briefauszüge, Fallakten. Hier standen der Neurologe Dr. Ulrich Schultz und der Psychiater Dr. Karl-Friedrich Masuhr Paten. Sie leiteten die wissenschaftliche Betreuung des Stücks.

Mit Ingrid Berzau, Silke Klug, Yvonne Racine, Wolfgang Scheiner, Dieter Scholz, Hardi Sturm/Cornelius Dane | Inszenierung Rolf Johannsmeier | Ausstattung Rolf Johannsmeier, Oliviero A. Santoleri, Petra Steffens | Dramaturgie Mechthild Klotz | Technik Olaf Bader | Mitarbeit Ruth Ferrari, Bernd Schmidt, Burkhard Schumacher | Wissenschaftliche Produktionsbetreuung Dr. med. Ulrich Schultz, Dr. med. Karl-Friedrich Masuhr

Uraufführung/Premiere am 30. September 1989

Regisseur Rolf Johannsmeier erinnert sich heute:
"Fass-Nacht (1988), Doktorspiele (1989) und Hamlet-Prinz (1990) waren meine drei ersten Produktionen am FWT- oder besser gesagt: mit dem FWT. Denn alle Arbeiten waren: Theater m i t dem Ensemble. Anders ging es nicht, anders wollten wir es nicht: Die Schauspieler sind die eigentlichen Autoren...

Dieter Scholz, Ingrid Berzau und ich kamen von Theaterkollektiven (Ingrid brachte noch etwas Tanztheater mit), und in "Doktorspiele" ging es darum, ein so heikles Thema wie die Euthanasie aus Improvisationen zu entwickeln und in eine Form zu bringen, die es zu einem verstörenden, unterhaltenden und informierenden Theaterabend machte, der weder irgendwas besser wusste noch moralisierend war...
Die Schauspieler*innen schafften es, aus dem unveröffentlichten, historischen 'Material' , das uns die Kölner Ärzte-Autoren Ulrich Schultz und Karl Friedrich Masuhr zur Verfügung gestellt hatten, einen Parforceritt zwischen Thriller, Clown, Tanztheater und Performance zu entwickeln. Dabei war es auf den Proben losgegangen mit sehr persönlichen, fast intimen Improvisationen zu Krankheit, Tod und Deutsch-Sein.
Vielleicht was d a s das Erfolgsrezept: Jede und jeder hatte als Co-Autor eines Stückes, das nicht weniger als die Verstrickung der Medizin in den staatlichen Massenmord des Dritten Reiches "erzählte", auch ein Stück von sich selbst eingebracht.
Der Aufwand hatte sich gelohnt: "Doktorspiele" gewann nicht nur Theaterpreise und lief sehr erfolgreich jahrelang am Haus. Es war auch auf einer Never-Ending-Tour jahrelang in ganz Deutschland unterwegs, auch und oft in Krankenhäusern vor Ärzten und Krankenschwestern; am Ende waren es Tausende im ganzen Land. Mit anschliessenden Diskussionen mit Ensemble und Publikum. Vielleicht haben wir etwas bewirkt - angestoßen bestimmt.
Der Höhepunkt: die Auftritte in Berlin, kurz nach dem Mauerfall, in der Charité und im Tempodrom, Ingrid mit halbseitigem Szenenfoto auf dem Titel von 'Neues Deutschland' 1990!" Rolf Johannsmeier

Das Plakat zum Stück sowie den Programmheftumschlag gestaltete der Künstler Reiner Seliger. Im Innenteil des Programmhefts sind ebenfalls einige seiner Werke abgedruckt.

Im Rahmenprogramm der Inszenierung wurde im Dezember 1989 und Januar 1990 im FWT-Foyer die Ausstellung "Kunst zum Überleben - Gezeichnet in Ausschwitz" mit Werken ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers aus dem Besitz der Staatlichen Gedenkstätte Auschwitz (Oswiencim/Brzezinka, Polen) gezeigt.

Jürgen Horn, ehemaliger FWT-Mitarbeiter, erinnert sich:
"Als ich vor ca. 27 Jahren (1989) im FWT angefangen habe zu arbeiten, spielten sie gerade die 'Doktorspiele' und ich dachte: Wow, ist das ein tolles Theaterstück - kompetent und professionell in der Entwicklung und ehrlich in der Auseinandersetzung. In meinen ca. vier Jahren am FWT bin ich diesbezüglich nie enttäuscht worden und ich glaube, dass das FWT immer noch gutes Theater macht."

Das Stück kam an zahlreichen Gastspielorten zur Aufführung.

Tournee-Plan von September 1990 bis Januar 1991:
11./12.9. Karl-Bonhoeffer-Klinik, West-Berlin
13./14.9. Charité, Ost-Berlin
29.9. Fritz-Hensler-Haus, Dortmund
4.10. Psychiatrische Klinik, Gütersloh
6./7.10. Ärztekongress (IPPNW), Bonn
30.10. Stadthalle Mettmann
4.11. Festival Theaterzwang, Dortmund
16.11. Haus der Begegnung, Ulm
17./18.11. weitere Gastspiele im Raum Ulm
25./26.1. Gasteig, München

Presse

"'Doktorspiele' ist der Versuch, dieses schwierige, unbequeme und lange Zeit totgeschwiegene Thema aufzuarbeiten. Dem Freien Werkstatt Theater, einer seit zwölf Jahren in Köln etablierten Bühne, ist dieser Versuch überzeugend gelungen. (...) Das Stück geht unter die Haut. Dokumentarische Szenen wirken so authentisch wie seinerzeit der Film 'Holocaust': Der Zuschauer kann miterleben und mitfühlen. (...) Der Pep und der Schuss Peep machen das Thema ertragbar, ohne dass daraus ein Klamauk wird. Regisseur und Ensemble zeigen hierbei ein großes Fingerspitzengefühl." Ärtzte Zeitung

"Aktuelle, brisante Themen sind das Steckenpferd des Freien Werkstatt Theaters. (...) Sehr eigenwillig, sehr persönlich hat sich das Ensemble unter der Regie von Rolf Johannsmeier das Thema erarbeitet. Herausgekommen ist eine Mischung zwischen Grusical und Nummernrevue, die nicht einen abschreckenden Informationswust auffährt, sondern durch starke Einzelmomente schockiert. Dass dies gelingt, liegt vor allem auch an der Leistung der sechs Schauspieler. Eine überzeugende Ensembleleistung." Kölnische Rundschau

"Ein großes Wagnis, so ein Thema auf die Bühne zu bringen, aber es gelang. Unvergesslich: Dieter Scholz als 11jähriger Junge. Langer Beifall und Bravo-Rufe." Express

"Das Freie Werkstatt Theater verfestigt im schönen Haus am Zugweg sein Konzept der ästhetisch formulierten Einmischung in einen bedrückenden Alltag. (...) Totentänze auf Vulkanen, die noch nicht erloschen sind, dargeboten von Ingrid Berzau, Silke Klug, Yvonne Racine, Wolfgang Scheiner, Dieter Scholz und Hardi Sturm, man wird sich an sie erinnern." Theater Rundschau

"Durch das geschickte Verflechten von Musik und Spiel wird der Zuschauer in ständiger Spannung gehalten. Denn immer, wenn er in Versuchung gerät, sich von sanften und beschwingten Walzerklängen hinweg tragen zu lassen, holen ihn unfassbare Zitate von skrupellosen Medizinern und das beeindruckend-bedrückende Spiel in die Brutalität des Themas zurück." Kölner Stadt-Anzeiger