Ich denke sowieso mit dem Knie

Eine Ensembleproduktion des Freien Werkstatt Theaters zu neuropsychologischen Fallgeschichten

Uraufführung/Premiere am 25. März 1993

Knie

Fotos: Michael Fehlauer

Ist die Welt so, wie wir gewohnt sind, sie zu sehen? Gibt es daneben oder darin andere Welten mit anderen Gesetzmäßigkeiten, anderen schöpferischen Leistungen, anderen Gefahren und Verführungen?

Sechs Schauspieler*innen und der Regisseur Roland Bertschi haben ein Theaterstück erarbeitet, indem sie sich in Menschen hineindenken, die aus der Normalität gefallen sind. Authentische neuropsychologische Fallgeschichten liegen der theatralischen Annäherung zu Grunde. Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin hat über die Interpretation einer (Kranken-) Geschichte ihre bzw. seine eigene Spielart gefunden.

Von Amors Pfeil getroffen hat Ludmilla mit 90 Jahren Gefühle wie eine Zwanzigjährige. Der Gedächtniskünstler S. steigt in das Innere seines Kopfes, um die Flut von lästigen Erinnerungen zu verjagen. Madame I. muss sich die Kleider vom Leib reißen und ihren Körper betasten um sich an ihre Kinder erinnern zu können. Trotz ihrer Behinderungen ist für Rosanne die Welt einn großes Bilderbuch voller duftender, poetischer Bilder. Marianne und Marie leben in einem Körper, ohne einander zu kennen.

Ausfälle und Überschüsse menschlicher Wahrnehmung. Inwieweit bestimmt das Gedächtnis unsere Sicht der Welt? Es gilt, das Spiel von Innen und Außen darzustellen. Ein Balanceakt zwischen der ver-rückten und der normalen Welt.

Mit Ingrid Berzau, Miklós Horváth, Susanne Leutenegger, Gabriele Quast, Dieter Scholz, Gertrud Seehaus-Finkelgruen | Inszenierung Roland Bertschi | Ausstattung Irene Uredat | Dramaturgische Mitarbeit Sophia Kohl | Technik Tilo Steffens, Ennelin Reich, Sebastian Fleiter | Fachliche Begleitung Dr. Mechthilde Kütemeyer

Unter dem Titel VER-RÜCKTE WAHRNEHMUNGEN gab es im Juni 1994 eine Begleitausstellung zur Ensembleproduktion im Theaterfoyer.

Regisseur Roland Bertschi erinnert sich:
"Als Regisseur interessieren mich an Menschen Geschichten über das Ver-rückte im Verhältnis zu dem, was wir als normal empfinden. Deshalb wollte ich die Erzählungen des Neurologen Oliver Sacks mit dem Titel 'Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte' auf die Bühne bringen. Die meisten kennen den Autor von dem Film 'Zeit des Erwachens' mit Robert de Niro. Mit meinem Anliegen stand ich an den Stadttheatern  ziemlich allein, bis ich eines Tages zwei Menschen und Künstler und Theaterverrückte traf, die diesen Wunsch teilen konnten: Ingrid und Dieter vom FWT. Aber es gab ein dickes Hindernis für das Projekt: Ein sehr berühmter Theaterkollege hatte das gleiche Interesse: Peter Brook. Und somit waren die Rechte an dem Stoff weg. Aber so schnell wollten wir nicht aufgeben:
Wir suchten ähnliche Geschichten von Neurologen und fanden auch mit Hilfe bekannter Neurologen aus Köln viel Material. Als die Hirne übervoll waren, trafen wir uns und lasen einander während einer langen Nacht unsere 'Fundstücke' vor.
Und dann ging’s los mit für mich beinahe paradiesischen Probenvoraussetzungen: Eine richtig lange Entwicklungs- Probenzeit, mehrere gleichzeitig nutzbare Räume, die Entwicklung des Stückes mit kreativen Spielern unterschiedlichsten Couleurs, Unterstützung durch fachkompetente Neurologen mit Recherchen in psychiatrischen Anstalten in Köln. Heute noch gehen mir die Bilder nicht aus dem Kopf wie Pfleger mit ihren Patienten Karneval feiern, Bilder von unglaublicher absurder und berührender Normalität.
Was war für uns an dem Thema so besonders:
Neurologen erzählen ähnlich wie Oliver Sacks über Menschen, die wir als geistig behindert oder eingeschränkt bezeichnen, aber sie erzählen nicht nur von Behinderung, sondern auch von Überschüssen, besonderen Fähigkeiten, von Glück; es entsteht eine liebenswerte Komik und grosse Bildphantasie.
Das geht ans Herz und ist auch gesellschaftspolitisch relevant. Und die Sichtweise war und ist neu und rückt einiges unserer 'normalen' Welt grade.
Die Geschichten öffnen uns die Augen für eine  ver-rückte, bunte, ereignisreiche Welt neben unserer manchmal schrecklichen Normalität."

Presse

"Das Team ist  fasziniert von der Idee neuropsychologische Fallgeschichten nachzuempfinden und umzusetzen. Dabei orientiert es sich an den Fall-Beschreibungen 'romantischer' Wissenschaftler wie Oliver Sacks." Kölner Stadt-Anzeiger

"Zweifellos eröffnen sich hier ganz neue Perspektiven auf unsere eingefahrenen Alltagsabläufe. So bereitet es großen Spaß mitzuerleben wie erst Störungen die Mechanik unseres Gedächtnisses freilegen. (...) Bescheiden nennt die Truppe ihr Projekt eine Annäherung, und die ist ihr mit viel Komik und Sensibilität gelungen." Kölnische Rundschau